Zur Buchvorstellung „Der kurze Traum vom Frieden“ kamen am 29. Januar ins DGB-Haus etwa 150 Leute. Günther Gerstenberg las zwei Kapitel aus dem Buch vor und wurde gefragt, warum er sich denn eigentlich mit diesen verstaubten Sachen beschäftigen würde.

Er nannte zwei Gründe und sagte sinngemäß: Erstens sei er unzufrieden damit, dass viele Menschen, die sich dafür engagiert haben, die schlechten Verhältnisse zu verändern, und die dabei ihre Freiheit oder sogar ihr Leben riskiert haben, im Dämmer des Vergessens verschwunden sind. Er wolle, soweit das möglich ist, diesen Menschen ihr Gesicht, ihre Stimme, ihre Haltung und ihre Biographie zurückgeben.

„Über Kurt Eisner wissen wir viel. Die bairische Staatspartei wird ihn, den ehemaligen Beelzebub, dieses Jahr rehabilitieren. Bekannt sind auch Oskar Maria Graf, Erich Mühsam, Ernst Toller, B Traven und Gustav Landauer. Sie sind ebenfalls rehabilitiert. Es ist nicht strafbewehrt, sich auf sie positiv zu beziehen. Aber es gibt andere, über die immer noch Schauermärchen im Umlauf sind, zum Beispiel Thekla Egl, Rudolf Egelhofer, Max Levien und Eugen Leviné. Und es gibt die große Masse derer, die so unsichtbar sind, als ob sie nie dagewesen wären, unter ihnen vor allem Frauen. Da ist noch viel zu tun.“

Sein zweite Motiv ist: Politik heute beruft sich immer auf ihre Traditionen, findet als Begründungen für ihr Handeln immer die passenden Kronzeugen ihrer Vergangenheit. Parteigeschichtsschreibung ist fast immer Legenden-Bildung, Hofberichterstattung und Mythologisierung. Aber: Diese Vergangenheit hat es SO nie wirklich gegeben! Geschichte wird für schlechte Politik instrumentalisiert. Dabei kann schlechte Politik nicht mit guten Argumenten begründet werden. Das trifft auf die Zeit vor hundert Jahren genauso zu wie auf unsere Gegenwart.

Gerstenberg hofft, dass die Lektüre des Buches die Parallelen zum Heute deutlich macht und dass die Akteurinnen und Akteure vor hundert Jahren uns für die Lösung unserer gegenwärtigen Probleme einige Hinweise geben können. Eine breite Rolle hatten die Frauen in der USPD, die bisher in der Archiv-Arbeit und Literatur so herunter gespielt wurde, weil die Polizei-Spitzel zu schreiben aufhörten, wenn sie sprachen.

Ernst Toller schrieb in seinem Stück „Masse Mensch“ über die Volkswirtschaftlerin Dr. Sarah Sonja Lerch, die sich nach Wochen Knast in München mit Zahnschmerzen ohne Behandlung wohl selbst ermordete: Nein, kein Freitod für die damals 36jährige, aber ein Tod im Knast, zu dem die Akten schweigen: Für Sarah Sonja Lerch wird es am 29.3.18 (Gründonnerstag) am jüdischen Friedhof an der Ungererstraße ein Gedenken geben

Im Anschluss an die Lesung fragte eine Teilnehmerin, ob Gerstenberg in dem Buch auch schreibe, was die Streikenden vor 100 Jahren gedacht und diskutiert haben. Das konnte er beantworten:

Sie haben diskutiert, ob sie gewaltfrei oder mit Gewalt oder irgendwie dazwischen vorgehen sollen. Sie haben diskutiert, ob bei der herrschenden Blödheit überhaupt ein Engagement sinnvoll ist. Sie haben diskutiert, wie sie mit der eigenen Angst, der eigenen Resignation und ihren Zweifeln umgehen können. Und sie haben diskutiert, ob es sinnvoll ist, etwas zu tun, auch wenn die ganze Sache sinnlos aussieht und gnadenlos scheitert. Wörtlich: „Das denken und diskutieren heute viele genauso. Und viele kommen zu dem Schluss, dass sie TROTZ ALLEDEM nicht aufhören dagegen zu sein, dagegen zu reden und dagegen zu handeln.

Der Schlussapplaus zeigte, dass die Besucherinnen und Besucher der Veranstaltung nicht ganz unzufrieden nach Hause gingen.

für www.raete-muenchen.de und für die freie Presse frei, Fritz Letsch

Fotos auch gerne in besserer Qualität auf Anfrage,

Günther Gerstenberg: Der kurze Traum vom Frieden. Ein Beitrag zur Vorgeschichte des Umsturzes in München 1918
mit einem Exkurs über die Gießener Jahre von Sarah Sonja Rabinowitz von Cornelia Naumann, edition AV, ISBN: 978-3-86841-189-8, 24,50 Euro.

Als nächste Buchvorstellungen steht schon ein kleinerer Gesprächskreis an: Das vegane Cafe „5vor12“, das www.feldcafe.de der Volxküche gibt den Rahmen für die erste Präsentation von Simon Schaupp: Der kurze Frühling der Räterepublik – Mi 7.2. um 20 h U2 Milbertshofen

Der Abend kommt so schnellder Zenzl-Mühsam-Saal in der Seidlvilla wird am 25. März der Ort für die Präsentation des historischen Romans zu Sarah Sonja Lerch: Der Abend kommt so schnell.

Der kurze Frühling der Räterepublik – Mi 7.2. um 20 h im Feldcafe „5vor12“ Milbertshofen

Damit aus dem Traum der Demokratie etwas anderes als die Lobbykratie des entfesselten Kapitalismus wird: Revolutionsgespräche!

Spread the love